Grusskartenfreunde: Rückblick auf das ehemalige Start-Up
Berlin, Mitte der Nullerjahre: Zwei Brüder bauen aus einer bestehenden Seite ein Grußkarten-Portal, das binnen kurzer Zeit zu einem festen Namen in der deutschen Start-up-Szene wird. Die Rede ist von Grusskartenfreunde.de, betrieben unter dem Firmennamen Ecards and more GmbH. Wer sich heute mit der Domain beschäftigt, landet im Leeren – die Seite existiert nicht mehr. Was bleibt, sind Presseartikel, Firmendaten und ein Geschäftsmodell, das seiner Zeit in mancher Hinsicht voraus war.
Das Wichtigste kurz zusammengefasst:
- Firma: Ecards and more GmbH, Betreiber von Grusskartenfreunde.de
- Gründung: 2005, Firmensitz Berlin
- Geschäftsführer: die Brüder Peter und Tomas Stiller
- Investor: Rocket Internet
Wie das Portal Grußkartenfreunde.de in Berlin entstand
Grusskartenfreunde.de ging bereits 2005 online, blieb zunächst aber ein eher stilles Nischenprojekt. Erst im Frühjahr 2008 übernahmen Peter und Tomas Stiller das Ruder und verpassten der Plattform frischen Schwung. Die beiden Brüder – Peter promovierter Betriebswirtler – sahen in hallmark.com das internationale Vorbild für ihr eigenes Vorhaben. Zu diesem Zeitpunkt zählte die Seite bereits eine treue Fangemeinde, vorrangig Frauen im mittleren Alter, die verspielte Motive mit Blumen oder Herzen bevorzugten. Hinter dem Unternehmen stand mit Rocket Internet einer der bekanntesten deutschen Start-up-Inkubatoren jener Zeit, was dem jungen Team zusätzliche Sichtbarkeit in der Branche verschaffte.
Das Geschäftsmodell: Von der eCard zur echten Postkarte
Im Kern kombinierte Grusskartenfreunde zwei Erlösquellen unter einem Dach. Kostenlose elektronische Grußkarten dienten als Reichweitentreiber, während der Versand physischer Postkarten das eigentliche Geschäft war. Für 8000 versendete Karten täglich verzeichnete das Unternehmen im Herbst 2008 – eine Zahl, mit der Stiller nach eigener Aussage zwar zufrieden, aber nicht satt war. Der weltweite Versand einer echten Postkarte kostete standardmäßig 2,69 Euro, unabhängig vom Zielland.
Besonders bemerkenswert war der Ansatz, Nutzer eigene Fotos hochladen und daraus individuelle Postkarten gestalten zu lassen. Diese Funktion traf einen Nerv, denn personalisierte Drucksachen galten damals als aufkommender Trend im E-Commerce. Parallel arbeitete das inzwischen 15-köpfige Team an einer kostenpflichtigen Premium-eCard mit erweiterten Funktionen, deren erste Testmotive laut Stiller gut angenommen wurden. Die folgende Tabelle fasst die zentralen Eckdaten des Geschäftsmodells zusammen:
| Merkmal | Angabe |
|---|---|
| Gründungsjahr | 2005 |
| Relaunch unter den Stiller-Brüdern | Frühjahr 2008 |
| Firmensitz | Berlin |
| Teamgröße (Herbst 2008) | ca. 15 Personen |
| Versandvolumen | rund 8000 Karten pro Tag |
| Preis Postkartenversand | 2,69 Euro weltweit |
| Investor | Rocket Internet |
Kooperationen als Wachstumshebel im Grußkarten-Business
Um die Nutzerzahlen weiter zu steigern, setzte das Führungsduo konsequent auf Partnerschaften statt auf teure Eigenwerbung. Die technische Basis dafür bildete ein einbettbares iFrame-Modul, das sich in fremde Webseiten integrieren ließ, ohne dass die Partner eigene Entwicklungsressourcen investieren mussten. Eine erste erfolgreiche Zusammenarbeit entstand mit Platinnetz, einem Netzwerk für die Zielgruppe der sogenannten Best Ager.
Im Oktober 2008 folgte der bislang größte Coup: eine Kooperation mit Burda Social Brands, einem Teil des Medienkonzerns Hubert Burda Medien. Das Grusskartenfreunde-Tool sollte künftig auf insgesamt fünf Plattformen des Verlags eingebunden werden. Parallel unterzeichnete das Start-up eine Vereinbarung mit der Johanniter-Unfall-Hilfe, über deren Seite Nutzer ebenfalls individuelle Postkarten versenden konnten. Bei diesem Angebot floss ein zusätzlicher Euro pro Karte als Spende direkt an die Johanniter. Solche Charity-Kooperationen dienten nicht nur der Reichweite, sondern stärkten auch das Markenimage, ohne dass zusätzliches Werbebudget nötig war – ein Kniff, den heute noch viele Plattformen für Konsumgüter nutzen.
Für den weiteren Ausbau des Nutzerkreises setzte das Unternehmen auf mehrere parallel laufende Maßnahmen, die im Rückblick als typisches Wachstumsrezept junger Web-2.0-Start-ups gelten können:
- Kooperationsverträge mit Themenportalen: gezielte Ansprache spezifischer Zielgruppen wie Best Ager über Platinnetz, statt breiter Streuwerbung ohne klaren Fokus.
- Reichweitenpartnerschaften mit Verlagen: die Einbindung des iFrames bei Burda Social Brands brachte Zugriff auf fünf etablierte Plattformen gleichzeitig, ohne eigene Marketingausgaben in ähnlicher Höhe.
- Charity-gekoppelte Angebote: die Zusammenarbeit mit der Johanniter-Unfall-Hilfe verband Spendenbereitschaft mit einem konkreten Produktnutzen und schuf so einen zusätzlichen Kaufanreiz.
- Ausbau nutzergenerierter Inhalte: die Möglichkeit, eigene Fotos hochzuladen, band Nutzer stärker an die Plattform, da sie selbst zu Gestaltern der Motive wurden.
- Geplantes Bonusprogramm: als Reaktion auf den Mitbewerber LoomUp.de, der Nutzern eine Provision für bereitgestellte Kartenmotive zahlte, plante auch Grusskartenfreunde ein eigenes Anreizsystem für Community-Beiträge.
- Premium-Erweiterung des Kernprodukts: die kostenpflichtige eCard-Variante sollte zusätzliche Erlösquellen neben dem physischen Postkartenversand erschließen.
Konkurrenzdruck im wachsenden Markt für digitale Grußkarten
Ganz allein war Grusskartenfreunde in diesem Segment nie. Bereits im Frühjahr 2008 ging mit Ahaoho.de ein ähnlich positionierter Anbieter an den Start, der ebenfalls echte Postkarten zu unterschiedlichen Anlässen gestalten und verschicken ließ. Um das Gründerteam von Ahaoho wurde es der Presse zufolge jedoch erstaunlich still, sodass sich diese Konkurrenz nicht als dominierende Kraft etablierte.
Deutlich ernster zu nehmen war LoomUp.de, ein Projekt der Movevision Düsseldorf GmbH, das kurz zuvor gestartet war. Der Düsseldorfer Anbieter zahlte Nutzern eine Provision, wenn diese ihre selbst gestalteten Motive anderen Kunden zur Verfügung stellten – ein Community-getriebenes Anreizmodell, das Grusskartenfreunde mit einem eigenen Bonusprogramm kontern wollte. Dieser Wettbewerb um Motive, Reichweite und Nutzerbindung zeigt exemplarisch, wie eng der Markt für Online-Postkarten und eCards in jener Phase bereits besetzt war, obwohl das Segment insgesamt noch als jung galt.
Mehrere strukturelle Herausforderungen prägten diesen Wettbewerb und lassen sich aus den verfügbaren Quellen rekonstruieren:
- Austauschbarkeit der Kernleistung: Der eigentliche Versand einer Postkarte unterschied sich technisch kaum zwischen den Anbietern, sodass Differenzierung fast ausschließlich über Motivauswahl, Partnerschaften und Zusatzfunktionen erfolgen musste.
- Preisdruck durch feste Versandkosten: Bei einem einheitlichen Preis von 2,69 Euro blieb wenig Spielraum, sich über günstigere Konditionen vom Wettbewerb abzusetzen, ohne die eigene Marge zu gefährden.
- Abhängigkeit von Kooperationspartnern: Reichweite über iFrame-Integrationen bedeutete zugleich Abhängigkeit von der Content-Strategie und Nutzerbasis der Partnerseiten, deren Prioritäten sich jederzeit ändern konnten.
- Fehlende Netzwerkeffekte im klassischen Sinn: Anders als bei sozialen Netzwerken profitierten neue Nutzer kaum unmittelbar von bestehenden Nutzern, was das organische Wachstum tendenziell verlangsamte.
- Parallele Professionalisierung der Konkurrenz: Mit LoomUp entstand ein Anbieter, der Nutzer aktiv finanziell am Erfolg ihrer Motive beteiligte und damit ein stärkeres Engagement-Modell aufbaute als der reine Kartenversand.
- Wechselnde Zielgruppenpräferenzen: Die anfängliche Kernzielgruppe der Frauen im mittleren Alter musste durch neue Kooperationen wie mit Platinnetz gezielt erweitert werden, was zusätzlichen Aufwand in Positionierung und Motivgestaltung erforderte.
Warum die Spur von Grusskartenfreunde im Netz verblasst ist
Öffentlich zugängliche Berichterstattung über Grusskartenfreunde konzentriert sich fast ausschließlich auf die Jahre 2008 und 2009, in denen die Kooperationen mit Burda und den Johannitern sowie das Wachstum auf 8000 tägliche Versendungen im Mittelpunkt standen. Zu einem späteren Zeitpunkt verliert sich die dokumentierte Spur des Unternehmens – ein Muster, das für viele Web-2.0-Start-ups jener Ära typisch ist, deren Domains irgendwann ohne offizielle Ankündigung offline gingen.
Weder ein konkretes Schließungsdatum noch die genauen Gründe für das Ende der Plattform lassen sich aus den verfügbaren, verifizierten Quellen rekonstruieren. Wer heute grusskartenfreunde.de aufruft, findet keine aktive Seite mehr vor, was nahelegt, dass der Betrieb irgendwann in den Folgejahren eingestellt wurde.
Häufige Fragen zum Thema (FAQ)
Wer stand hinter Grusskartenfreunde?
Verantwortlich für die Plattform waren die Brüder Peter und Tomas Stiller, die als Geschäftsführer der Ecards and more GmbH fungierten. Peter Stiller trat dabei als Hauptansprechpartner in der Presse auf und trieb den Ausbau der Kooperationen maßgeblich voran. Als Vorbild diente ihm ausdrücklich das US-amerikanische Unternehmen Hallmark.
Welches Geschäftsmodell verfolgte die Plattform?
Grusskartenfreunde kombinierte kostenlose elektronische Grußkarten mit kostenpflichtigem Versand echter Postkarten für 2,69 Euro weltweit. Zusätzlich plante das Unternehmen eine Premium-eCard mit erweiterten Funktionen sowie ein Bonusprogramm für nutzergenerierte Kartenmotive. Die Finanzierung des Wachstums erfolgte unter anderem über den Investor Rocket Internet.
Welche Kooperationspartner hatte Grusskartenfreunde?
Zu den dokumentierten Partnerschaften zählten das Best-Ager-Netzwerk Platinnetz, der Medienkonzern Hubert Burda Medien über Burda Social Brands sowie die Johanniter-Unfall-Hilfe. Über die Burda-Kooperation sollte das Grusskartenfreunde-Tool auf fünf weiteren Plattformen eingebunden werden, während die Johanniter-Partnerschaft einen Spendenanteil pro verschickter Karte vorsah.
Wann und warum wurde Grusskartenfreunde geschlossen?
Zu diesem Punkt liegen keine verifizierten öffentlichen Informationen vor. Die letzten dokumentierten Presseberichte stammen aus den Jahren 2008 und 2009, danach verliert sich die Spur der Plattform in den verfügbaren Quellen. Weder ein konkretes Enddatum noch die genauen Umstände der Schließung lassen sich derzeit seriös belegen.
Fazit
Grusskartenfreunde zeigt exemplarisch, wie ein Berliner Start-up der späten Nullerjahre mit Kooperationen statt großem Werbebudget wuchs: von 8000 täglichen Kartenversendungen bis zu Partnerschaften mit Burda und den Johannitern. Über das konkrete Ende der Plattform schweigen die verfügbaren Quellen jedoch, sodass dieser Teil der Firmengeschichte bislang unbelegt bleibt.